DER SUDAN, DER ISLAM & DIE ENTSTEHUNG DES MODERN
Im 7. Jh. n. Chr. zur Zeit des rechtgeleiteten Kalifen Osman ibn Affan, als das islamische Heer Ägypten eroberte, erreichte der Islam den Sudan. Unter Führung des Prophetengenossen Oqba ibn Nafi al-Fahri stieß ein Teil der Truppen weiter vor und kämpfte gegen die ursprünglichen Bewohner des Sudan - die Nubier. ihm folgte der Prophetengenosse Abdallah ibn Abi as-Sarh, dem es gelang mit den Nubiern einen Vertrag zu schließen (Baqt-Vertrag 651 n. Chr./31 d. H.). Dadurch wurde Nubien zu einem Vertragspartner (dar al-ahd), was eine neue Art der Außenbeziehungen des islamischen Staates darstellte; die für Muslime bis dato übliche Form war entweder Feindes- (dar al-harb) oder Freundesland (dar as-salam). Der Baqt-Vertrag regelte das Verhältnis zwischen Nubien und dem islamischen Staat. Die beiden wichtigsten Punkte dabei waren: Den Muslimen wurde erlaubt.
1. mit der örtlichen Bevölkerung Handel zu treiben und kulturellen Austausch zu pflegen sowie
2. Moscheen zu bauen.
Mit diesem Vertrag beginnt die friedliche Übernahme des Islam durch die Sudanesen; es entstanden islamische Gemeinden in Alt- Dongola, Suakin, Aidhab und später das islamische Königreich von Dongola. Durch die Ansiedlung vieler Araber und deren Interaktion mit der einheimischen Bevölkerung entstand das islamische Sultanat von Sennar, in dem sich Einheimische mit Arabern zusammenschlossen und einen islamischen Staat gründeten, der Gelehrten und Mystikern offen stand. Dadurch wurde der Sudan im afrikanischen Rahmen de facto ein Teil der arabisch- islamischen Welt. Die Sudanesen übernahmen den Islam mit Leichtigkeit aufgrund des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Verbreitung von Religionsschulen und Sufi-Bruderschaften.
Das Sultanat Funj (Sennar) ging unter als die Streitkräfte des in Ägypten heimisch gewordenen Eroberers Muhammad Ali Pascha 1821 im Sudan eintrafen. Die ägyptische Fremdherrschaft dauerte bis 1885 an und endete mit dem Erfolg der mahdistischen Bewegung für islamischen Dschihad unter Führung des Imams Muhammad Ahmad al-Mahdi und dem Tod des letzten Generalgouverneurs des Sudan General Charles George Gordon. Der Mahdiya gelang die Beseitigung der turko-ägyptischen Administration aus folgenden Gründen:
- Das Sultanat Funj (Sennar) ging unter als die Streitkräfte des in Ägypten heimisch gewordenen Eroberers Muhammad Ali Pascha 1821 im Sudan eintrafen. Die ägyptische Fremdherrschaft dauerte bis 1885 an und endete mit dem Erfolg der mahdistischen Bewegung für islamischen Dschihad unter Führung des Imams Muhammad Ahmad al-Mahdi und dem Tod des letzten Generalgouverneurs des Sudan General Charles George Gordon. Der Mahdiya gelang die Beseitigung der turko-ägyptischen Administration aus folgenden Gründen:
- Öffnung des Sudan durch die türkische Verwaltung für die Missionsbewegung unter Führung der Katholiken Ernennung von Christen und Juden wie Gordon, Gessi, Slatin und Amin Pascha zu Herrschern über die Sudanesen Ausbreitung von Unterdrückung, Sklavenhandel und maßlose Besteuerung Entfremdung des Regimes vom islamischen Ideal und der sudanesischen Moral Die Herrschaft der Mahdiya währte lediglich etwa 14 Jahre. Die ausschlaggebenden Ursachen hierfür mögen folgende gewesen sein: Der frühzeitige Tod des Imam al-Mahdi bereits sechs Monate nach der Eroberung Khartoums Streitigkeiten unter seinen Gefolgsleuten sowie Streitereien zwischen den Stämmen und der Regierung unter seinem Nachfolger Abdallah Kämpfe zwischen der Mahdiya und Abessinien.
Einkreisung des mahdistischen Staates durch die europäischen Staaten:
Großbritannien im Norden, Frankreich im Westen, Belgien im Süden und Italien im Osten Nachdem die Mahdiya von den europäischen Truppen in der Schlacht von Karari geschlagen worden war, wurde dem Sudan eine neue Regierungs- und Verwaltungsform auferlegt: das anglo-ägyptische Kondominium. Obwohl festgelegt wurde, daß Ägypten bei der Regierung des Sudan beteiligt sein sollte, so waren es in Wirklichkeit doch die Briten, die die Geschicke des Sudan lenkten. Sie brachten Eisenbahn und Binnenschiffahrt ins Land, führten Post- und Telegrafendienste ein, begannen das großangelegte Bewässerungsprojekt in der Gezira-Region und gründeten das Gordon Memorial College. Das Ziel Großbritanniens bestand darin, im Norden des Sudan einen säkularen Staat und im Süden einen christlichen Staat einzurichten.
Die Sudanesen unterwarfen sich dem Kondominium jedoch nicht: 1924 kam es unter Führung von Abd al-Latif zum Aufstand der „White Flag League“ gegen die Besatzung 1938 wurde der „Graduates’ General Congress“ gegründet
1956 wurde der Kampf der Sudanesen mit der Unabhängigkeit ihres Landes gekrönt, und es begann die Zeit der nationalen Regierung.
Mit einem Militärputsch 1958 übernahm General Ibrahim Abboud bis zur Oktoberrevolution 1964 die Macht
1969 folgte der Mai-Putsch unter Gaafar Muhammad Numairi, dessen Herrschaft bis zur Volkserhebung im April 1985 (Übergangsregierung unter Siwar ad-Dahab) dauerte
Aus den danach folgenden freien Wahlen 1986 ging die Regierung unter Sadiq al-Mahdi hervor, die bis zur Revolution der nationalen Rettung im Juni 1989 bestand.
Quellen sudanesischer Geschichte
Im Verlauf der 40 Jahre seit der Unabhängigkeit sind die historischen Studien über den Sudan ausgeweitet worden und haben an Zahl, Vielfalt und Tiefe zugenommen. Dies erfolgte mit Hilfe der Studenten an Universitäten im Sudan, in Ägypten, Europa und Amerika sowie der sudanesischen und ausländischen Historiker, die Studien über den Sudan betreiben. Durch die Unabhängigkeit sind sogar noch mehr Forscher interessiert worden, und es wurden neue Horizonte für Sudanstudien eröffnet. Die sudanesische Regierung unterstützt und fördert diese Studien dadurch, daß sie historische Dokumente zur Verfügung stellt, großzügig Genehmigungen zu deren Auswertung erteilt und so die Aufnahme von Feldstudien erleichtert.
Parallel dazu arbeiten die Wissenschaftler in ägyptischen, europäischen und amerikanischen Archiven. Konzentrierte sich die Forschung während des Kondominiums auf allgemeine Geschichte und anthropologische Studien über die Struktur primitiver Gesellschaften, so erfuhr sie seit der Unabhängigkeit eine Ausweitung auf soziologische, folkloristische und anthropologische Studien sowie Untersuchungen in allen Bereichen der Geschichtsforschung.
Die sudanesischen Archivare seit der Unabhängigkeit haben gute Arbeit geleistet: Sie archivierten historische Dokumente aus früheren Zeiten, trugen Archivsammlungen aus den verschiedenen staatlichen Einrichtungen und aus Privatbesitz zusammen und eröffneten damit den Forschern aus aller Welt ein weites Feld. Beabsichtigt war, die geschichtliche Forschung in Bereiche einzuteilen wie Mahdiya, Bedeutung des Bodens, Islam im Sudan oder diplomatische Studien. So haben sie sich in besonderer Weise um die Wissenschaft verdient gemacht. Das Nationalarchiv führte gewissermaßen die Arbeit eines Ausschusses für anthropologische Studien fort. In Wahrheit existierte kein Ausschuß, aber der Direktor des Archivs engagierte sich in seiner Position für Feldstudien in verschiedenen Forschungsbereichen und schuf so einen regionalen Ausgleich innerhalb der Forschung.
Nachdem die anthropologische Forschung auf den Süden und die Nuba-Berge konzentriert gewesen war, wandten sich die Wissenschaftler nun auch den nördlichen Gebieten des Sudan zu, da diese als besonders geeignet für Studien über primitive Gesellschaften galten. Beispielhaft seien hier Studien über die Region der Schaigiya, der Maidub, der Mahiriya und der Beja sowie jüngst auch der Manasir genannt.
Die Professoren des „Institute for African and Asian Studies“ führten Untersuchungen zur Folklore und zum kulturellen und geschichtlichen Erbe durch. Sie trugen mündliche Überlieferungen zusammen und haben für Forschung, Materialsammlung und Nachwuchsförderung Großartiges geleistet.
In den afrikanischen Staaten südlich der Sahara ist es u. a. Aufgabe der Nationalarchive mündliche Überlieferungen zusammenzutragen. Dies ist um so mehr zu würdigen, als in diesen Staaten kaum schriftliche Überlieferungen vorliegen. Die Probleme beim Sammeln und Fixieren mündlicher Überlieferungen gehören zu den Dauerthemen bei den Zusammenkünften der Archivare. Im Sudan jedoch zählen mündliche Überlieferung und kulturelles Erbe zu den Aufgaben des „Institute for A
rican and Asian Studies“ und nicht zu denen des Nationalarchivs.
Letzteres ist zuständig für schriftliche Überlieferungen sowohl staatlicher als auch privater Natur. Deshalb sind Universitäten nicht damit befaßt, Dokumente aus staatlichen Stellen zusammenzutragen wie dies in einigen anderen Ländern der Fall ist. Durch diese sinnvolle und nützliche Aufgabenteilung wurden vom Nationalarchiv erfolgreich Dokumente gesammelt und bereitgestellt, während es dem „Institute for African and Asian Studies“ gelungen ist, geeignete Möglichkeiten zu finden, um mündliche Überlieferungen zusammenzutragen, zu fixieren und Mitarbeiter hierfür auszubilden. Bei diesen Aktivitäten beteiligten sich auch die Universitäten sowohl im Rahmen des Studienangebots als auch durch spezielle Einrichtungen wie z. B. das Muhammad Umar al-Bashir-Zentrum in der Ahlia-Universität Omdurman.
Die durch diese Aktivitäten zusammengekommene enorme Menge an schriftlich fixiertem Material und mündlicher Überlieferung ermöglicht es, in der Geschichtsforschung über den Sudan einen großen Schritt voranzukommen. Nur ein kleiner Teil der Studien wurde bislang dem sudanesischen Leser zugänglich gemacht, um dessen geschichtlichen Horizont zu erweitern. Das meiste konnte aufgrund fehlender Druckmaschinen erst gar nicht erscheinen. Dies gilt jedoch nur für die Arbeiten der sudanesischen Wissenschaftler. Die allermeisten Forschungsergebnisse der ausländischen Kollegen sind in Buch- oder Zeitschriftenform erschienen. Daß sie dennoch nicht für den sudanesischen Leser zugänglich sind, hat zwei Gründe. Zum einen sind sie nicht ins Arabische übersetzt und zum andern sind die Preise für ausländische Druckerzeugnisse vergleichsweise hoch und kaum zu bezahlen.
Gute Informationsquellen für den Sudanforscher sind das Sudanesische Nationalarchiv, das Ägyptische Nationalarchiv, das Britische Nationalarchiv, die Sudan-Abteilung in der Fakultät für Östliche Studien der Universität Durham sowie die historische Fakultät der Universität Bergen in Norwegen.
Die Geschichte des Sudanesischen Nationalarchivs geht zurück auf das Jahr 1919. Der Schritt zu einem organisierten Archiv vollzog sich 1953, als Dr. Holt von H. Alan zum Archivar bestellt wurde. Ihm folgte zwei Jahre später ein sudanesischer Generalleutnant, unter dessen Leitung das Nationalarchiv seine Arbeit aufnahm. Es begann eine wichtige Rolle im kulturellen Leben des Landes zu spielen, war beteiligt beim Aufbau einer staatlichen Verwaltung und stellte Datenmaterial zur Verfügung. Das Nationalarchiv verfügt über Dokumente aus der Zeit der Mahdiya, Materialien zentraler Einrichtungen des Kondominiums wie das Archiv des Generalgouverneurs, des verwaltenden Sekretärs, der Sicherheitskräfte, der Verwaltungen und Dienststellen in den Distrikten. Der Zugang zu diesen Dokumenten war im Interesse der Wissenschaft stets ohne weiteres möglich. Seine Tätigkeit beschränkt sich nicht auf die Geschichtsforschung, sondern reicht über verschiedene andere Forschungsbereiche wie Wirtschaft, Handel, Politik usw. bis hin zur Bereitstellung von Informations- und Datenmaterial für staatliche Einrichtungen und Ausschüsse.
In den Zuständigkeitsbereich des Britischen Nationalarchivs f llt der Druck amtlicher Dokumente. Die meisten der dort beschäftigten Sudanforscher interessieren sich für das 19. Jh., insbesondere für die letzten beiden Jahrzehnte und noch mehr für das 20. Jh. Der Schwerpunkt des Ägyptischen Nationalarchivs liegt auf Dokumenten aus der Zeit des Khediven. Es wurde von König Fuad ins Leben gerufen, um die Ehre seiner Familie zu verteidigen. Er hatte eine enorme Menge an Dokumenten zusammentragen lassen und beauftragte mehrere Historiker, über die Geschichte seiner Familie zu schreiben und ließ türkische Dokumente ins Arabische übersetzen. Für den Sudanforscher interessant davon sind die Dokumente der ägyptischen Verwaltung im Sudan. In der Tat hatten zahlreiche Historiker Zutritt zum Ägyptischen Nationalarchiv, Ägypter und Nichtägypter, darunter auch viele Sudanesen. An deren Spitze stand der ehrwürdige Lehrmeister der sudanesischen Historiker Makki Shabika. Allerdings ist das Archiv heutzutage - was die Dokumente über den Sudan anbelangt - aus politischen Gründen geschlossen. Die Bibliothek der Universität Durham verfügt über eine große Sammlung an Dokumenten zum Sudan, die von dem renommierten britischen Historiker Richard Hill angelegt wurde und Einblick in die Erwerbungen der britischen Verwaltungsbeamten im Sudan gewährt. Bezogen auf den Sudan im 20. Jh. variiert das Material je nach Zuständigkeit der Beamten. Nach unserer Einschätzung handelt es sich hierbei um die größte Dokumentensammlung über den Sudan außerhalb
der Grenzen des Landes. Der Bestand der Historischen Fakultät an der Universität Bergen geht zurück auf die Professoren Anders Bjørkelo und Sean O’Fahey, die eine aktive Rolle in der Sudanforschung einnehmen.
Neben den Büchern, die über die Geschichte des Sudan erschienen sind, spielen die Periodika eine wichtige Rolle. Als wichtigste davon „Madschallat as-Sudan fi rasa’il wa mudawwanat“, die seit 1919 bis heute erscheint. Sie war das kulturelle Magazin für britische Verwaltungsbeamte und insbesondere fü
die an Forschung Interessierten. Ihre Themen deckten verschiedene Bereiche zum Sudan ab, wobei Geschichte an erster Stelle stand. Von sudanesischer Seite erschien die Zeitschrift „an-Nahda“ später „al-Fadschr“, die die kulturellen Aktivitäten der Universitätsabsolventen widers
egelte. Der thematische Schwerpunkt der Autoren lag auf Literatur und Politik, aber auch auf Geschichte. Später erschien die Zeitschrift „Omdurman“, herausegeben von Muhammad Abd ar-Rahim unter Mitarbeit des bekannten Dichters at-Tijani Yusuf Bashir. Sie war historisch ausgerichtet mit einem Schwerpunkt auf sudanesischer Geschichte.
Die Zeitschrift „al-Mu’tamar“ war ein Forum für die Meinungen der Absolventen und hatte Anteil an historischen Studien. Außerdem wurden zunächst vom Gordon Memorial College und später dann von der Philosophischen Fakultät der Universität Khartoum und anderen Universitäten Periodika herausgegeben, die auch geschichtliche Themen behandeln. Die sudanesische Presse, die sich zunächst auf die Wiedergabe von Meldungen und Kommentaren konzentriert hatte, beschäftigt sich nun in zunehmenden Maße auch mit historischen und kulturgeschichtlichen Studien.
Im Bereich Enzyklopädien und Wörterbücher ist von Prof. Aun ash-Sharif Qasim das Wörterbuch der sudanesischen Umgangssprache erschienen, das eine Menge Wissenswertes für den Sudanforscher enthält. In „The Encyclopaedia of Islam. New Edition“ finden sich insgesamt hilfreichere Artikel über den Sudan als dies in der ersten Auflage der Fall war. Der Pionier der Bibliographie über den Sudan heißt Richard Hill, dessen bedeutendes Literaturlexikon im Sudan erschienen ist. Das Literaturlexikon von Prof. Abd ar-Rahman an- Nasri wurde nach dem von Hill veröffentlicht. Von Dr. Qasim Osman Nur wurde eine Reihe bibliographischer Arbeiten zu verschiedensten Themenbereichen herausgegeben. Das Verlagshaus Brill publizierte den ersten Band von „Arabische Quellen zur Geschichte Afrikas südlich der Sahara“, der dem Sudan gewidmet ist. Verfasser dieses Bandes sind Prof. S. O’Fahey und Prof. J. Hanvik, die gegenwärtig den Teil über Westafrika vorbereiten. Im Sudanteil findet sich ein von Prof. Muhammad Ibrahim Abu Salim verfaßter Aufsatz über die Quellen zur Mahdiya, ein Artikel über die Quellen zu den Majadhib von Albrecht, eine Abhandlung über die Quellen der Idrisiya aus der Feder von Dr. Yahya Muhammad Ibrahim sowie noch weitere Beiträge von Prof. O’Fahey.
Vorbildlich im Bereich der biographischen Enzyklopädien sind die „Tabaqat“ von Wad Daif Allah, der sein bedeutendes Werk noch vor dem ägyptischen Einmarsch in den Sudan verfaßte. Von Prof. R. Hills großer Enzyklopädie erschien eine korrigierte und erweiterte zweite Auflage. Das mehrbändige „Persönlichkeiten des Sudan“ von dem sudanesischen Journalisten Yahya Muhammad Abd al-Qadir bietet dem Forscher wichtige Informationen zu Dutzenden von Persönlichkeiten. Das Nachschlagewerk von Prof. Ahmad Muhammad Shamuq ist noch umfassender und vollständiger als das von Abd al-Qadir. Zu diesem Bereich existiert auch eine Detailstudie der amerikanischen Forscherin A. Sharkey, die sie auf der 1995 im Sharqia-Saal in Khartoum abgehaltenen Konferenz über Mystik vorgestellt hat.
Im folgenden werden die einzelnen historischen Abschnitte des Sudan mit ihrer jeweiligen Quellenlage dargestellt:
Zeit der islamischen Sultanate:
Diese Phase beginnt Anfang des 6. Jh. und endet 1821 mit dem ägyptischen Vordringen ins Landesinnere des Sudan. Die Eroberung von Darfur 1874 bildet den Schlußpunkt des ägyptischen Vorstoßes. Die bestehenden Reiche dieser Zeit waren das Sultanat Sennar oder Sultanat al-Funj oder Sultanat az-Zarqa’ sowie das Sultanat al-Fur und das Königreich Taqali. All diese Reiche sind unter Einfluß des Arabertums, des Islam und des Welthandels entstanden. Dennoch unterscheiden sie sich entsprechend der eigenen Widerstände und ihrer bestehenden sozialen Gefüge in der Übernahme dieser Faktoren. Letztendlich haben sie den unabhängigen Sudan in den bekannten Grenzen vorgezeichnet. In der Regel betrachten die Geschichtsforscher das Sultanat al-Funj als Vorgänger der ägyptischen Verwaltung, weil es als erstes erobert und seine Provinzen der ägyptischen Verwaltung unterstellt wurden. Diese Sichtweise widerspricht der unumstößlichen historischen Realität, daß die islamischen Sultanate und einige Stammesföderationen die Vorgängerstaaten der ägyptischen Verwaltung darstellen.
Die Studien über das Sultanat al-Funj stützen sich auf zwei wichtige literarische Werke: die „Tabaqat Wad Daif Allah“ und „Tarikh Katib ash- Shuna“. Kürzlich kam noch das Manuskript von Abdalab hinzu, das aus der Zeit des Scheichtums Abdalab stammt. Außerdem existieren Aufzeichnungen der Forschungsreisenden. Die wichtigsten davon sind Evliya Çelebi, Joseph Reubeni u. a. Die „Tabaqat Wad Daif Allah“ sind im Stil der Werke über die Volksheiligen verfaßt und berichten über deren Segnungen und heilige Gräber. Die Aufzeichnungen Wad Daif Allahs stützen sich auf sein Gedächtnis und das der Gesellschaft, in der er lebte; d. h. die meisten Überlieferer stammen aus dem Gebiet zwischen nördlicher Gezira und der Region al-Abwab. Deshalb finden sich bei ihm außer den Berühmten auch kaum Volksheilige aus den Nordprovinzen. Das Werk erschien zunächst in dieser Form und wurde später von Prof. Yusuf Fadl Hassan in hervorragender Weise wissenschaftlich ediert; inzwischen sind mehrere Auflagen erschienen.
Unter Leitung des Richters Ahmad as-Salawi und seines Schülers Ibrahim Abd ad-Dafi’ entstand eine bereinigte und ergänzte Zusammenfassung der „Tabaqat“. Sie erschien als „az-Zail wa’t-Takmila“ unter Mitarbeit des Herausgebers der „Tabaqat“, Prof. Yusuf, sowie Prof. Abu Salim. Die „Tabaqat“ gehören zu den interessantesten Werken des Sudan und sind Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die „Tarikh Katib ash-Shuna“ wurde von Scheich al-Amin al-Aziz und az-Zubair Wad Dauh bearbeitet und mit Änderungen und Ergänzungen versehen, so daß die Exemplare des Manuskripts Unterschiede aufweisen. Prof. Makki Shabika war der erste, der dieses Werk veröffentlichte; das Gordon Memorial College ließ seine Ausgabe in einer der heute seltenen kleinen Druckereien herstellen. Die nächste Ausgabe mit Vorwort und hilfreichen Anmerkungen stammt von dem bekannten ägyptischen Historiker ash-Shatir Busaili Abd al-Jalil. Prof. Yusuf Fadl Hassan hat nun über Jahre hinweg eine enorme Menge Manuskripte zusammengetragen und leitet gegenwärtig deren Vervollständigung.
Die Aufzeichnungen der Reisenden bieten Zeugnisse und gute historische Materialien, die unmittelbar bei den Menschen gesammelt wurden. Allerdings muß der Historiker auf der Hut sein vor Mißverständnissen der ausländischen Zeitzeugen, die auf deren Wahrnehmung beruhen. Leider ist bisher nur das Reisetagebuch von Johann L. Burckhardt erschienen.
Bezüglich des Sultanats Darfur müssen wir uns auf die Werke folgender Reisenden stützen: W. G. Browne, G. Nachtigal und at-Tunisi. Die Aufzeichnungen Nachtigals wurden kürzlich übersetzt, sind aber noch nicht erschienen. Dem arabischen Text der Reise von at-Tunisi steht der französische gegenüber. Während der arabische erschienen ist, warten die Aufzeichnungen Brownes noch auf die ausstehende Aufmerksamkeit. Von den britischen Verwaltungsbeamten existieren Zeugnisse und Aufzeichnungen, die mehrheitlich in der „Zeitschrift für Schrifttum und Aufzeichnungen im Sudan“ erschienen sind. Die Beamten hinterließen wertvolle Aufzeichnungen über die Völker Darfurs und die Geschichte von Darfur und Kordofan. Einige engagierte Sudanesen und Ägypter wie ash-Shatir Busaili und Muhammad Abd ar-Rahim sammelten Material darüber und verbreiteten es in ihren Schriften.
Die Quellen zur Geschichte der Funj und Fur haben durch zwei Quellen eine wichtige Ergänzung erfahren: 1. die Sammlung mündlicher Überlieferung und allgemeinen Erbes des Instituts für afrikanische Studien und 2. die Urkunden über Grundbesitz. Letztere wurden in zwei Werken veröffentlicht: „Die Funj und Grundbesitz“ und „Die Fur und Grundbesitz“. In beiden Büchern wird die Bedeutung dieser Urkunden als Quellen für historische Studien betont. Sie stießen auf reges wissenschaftliches Interesse, wurden ins Englische übersetzt, und die Historiker suchten nach anderen Urkunden. Ihr Einfluß verdeutlichte sich in den folgenden Studien durch die Beantwortung einiger unklarer Fragen. Dadurch, daß man sich auf zuverlässiges Schriftmaterial stützte, das aus einer Zeit stammt, in der die Grundlage meist aus mündlicher Überlieferung besteht, wurden neue Themenbereiche erschlossen: Funktion des Bodens in der sudanesischen Gesellschaft, politischer und gesellschaftlicher Aufbau des Staates, regionale Einheiten und ihre Führerschaften u. a.
Turko-ägyptische Zeit
Die meisten der mit dem Sudan befaßten Studierenden wenden sich für das Studium dieser Phase an das ägyptische Nationalarchiv in der Zitadelle in Kairo, um mit den dort verwahrten Dokumenten zu arbeiten. In Ägypten gab es Historiker und Studenten wie ash-Shatir Busaili und Muhammad Anis, die am Sudan interessiert waren und so entstanden zwei Zeitschriften mit Studien über den damaligen Sudan. Auffällig dabei ist, daß sich einige Studien jener Zeit trotz vorhandener zeitgenössischer Dokumente ausschließlich auf Reisetagebücher stützten. Bedauerlicherweise arbeitet ein verdienter Historiker wie Muhammad Fuad Shukri in einigen seiner wichtigen Forschungen nur mit der Reiseliteratur und läßt die Dokumente beiseite.
Mahdiya
Die Dokumente über diese Phase, die von 1881 bis 1898 dauerte, werden von zwei Seiten gespeist, dem mahdistischen Staat selbst und dem ägyptischen Geheimdienst. Es existieren ca. 80.000 Dokumente, die mehrheitlich Aufzeichnungen des Mahdis, seines Nachfolgers, der Befehlshaber oder führender Personen wie Finanzminister und islamische Richter darstellen bzw. in Akten des Finanz- oder Armeearchivs bestehen. Die Forscher stützen sich häufig auf diese Dokumente, da sie aufgrund ihrer Archivierung und der Unterstützung der Verantwortlichen im Nationalarchiv gut zugänglich sind. Das Nationalarchiv hat einen Forschungsplan aufgestellt, der auf Regional- und Begleitstudien und bedeutenden Persönlichkeiten beruht und auf d
ssen Grundlage zahlreiche vertiefende Studien entstanden sind. Es erschienen von Anhängern des Mahdis verfaßte Werke wie „Der Mahdi“ in der Biographie des Mahdi, „at-Tiraz al-manqush“ und die Memoiren von Osman Diqna. Die wichtigsten der vielen Dokumente sind die in sieben Bänden herausgegebenen gesammelten Werke des Imam al-Mahdi. Kürzlich erschien unter dem Titel „Khizanat al-Islam“ der Haushaltsplan des mahdistischen Staates - ediert von Prof. Anders Bjørkelo und Prof. Ahmad Abi Shauk. Vorbereitungen für den Druck der Dokumente aus der Zeit unter dem Kalifen Abdallah haben begonnen.
Die Dokumente des ägyptischen Geheimdienstes werden im Sudanesischen Nationalarchiv aufbewahrt. Sie werden häufig von Wissenschaftlern herangezogen, da sie nützliche Informationen über den damaligen Sudan beinhalten. Allerdings sind sie natürlich nicht frei von politischen Vorurteilen. Bis die Dokumente des mahdistischen Staates erschienen, stützte sich die Forschung zunächst auf diese Schriftensammlungen.
Die ersten Werke über den mahdistischen Staat erschienen beeinflußt durch den Geheimdienst und verfolgen ein bestimmtes Ziel. Es waren Werke von Wingate, Slatin u. a. Die ägyptischen Werke sind auch Ausdruck der ägyptischen Kritik an der Mahdiya und der Trennung des Sudan von Ägypten. Mit Erscheinen des Buches „as-Sudan fi-qarn“ von Makki Shabika wurde diese Darstellung korrigiert und durch die Zeitdokumente noch
verbessert.
Kondominium
Diese Phase dauerte von 1898 bis 1955. Über sie erschienen Studien in arabischer und englischer Sprache von Wissenschaftlern, die mit der verantwortlichen Verwaltung in Kontakt standen. Die meisten dieser Studien wurden als Abhandlungen und Aufsätze in der Zeitschrift „as-Sudan“ veröffentlicht, einige jedoch wurden in Form von literarischen Werken herausgegeben. In der Bibliothek der Universität Durham existiert ein umfangreicher Bestand von Werken britischer Beamter, die im Sudan tätig waren. Die Werke jener Zeit sind Legion, so daß in der hier gebotenen Kürze nur ein Bruchteil genannt werden kann; sie sind jedoch in Sammlungen zusammengetragen. So gibt es Werke hoher britischer Beamter wie Harold MacMichael und Duncan. Überdies verfügen wir über Arbeiten von Universitätsstudenten wie Ga’far Muhammad Ali Bikhait und Muddathir Abd ar-Rahim sowie von graduierten Wissenschaftlern wie Makki Shabika und Holt. Neben der allgemeinen Geschichte behandeln die Arbeiten auch andere Themenbereiche: Bildung, Islam, Christentum, Landwirtschaft, Wirtschaft und politische Bewegungen.
Weiterhin sind die Schriftensammlungen zu nennen, die von der Zeit des Kondominiums bis nach der Unabhängigkeit reichen. Die Aufzeichnungen stammen von Muhammad Osman Khalid, as-Sayyid Abd ar-Rahman, Bashir Muhammad Sa’id, Ahmad Muhammad Yasin, Ismail al-Azhari und Abd ar-Rahman Mukhtar.
Unabhängigkeit
Für die Werke dieser Zeit gilt dasselbe wie für die des Kondominiums, auffällig ist jedoch die zunehmende Beteiligung sudanesischer Wissenschaftler sowohl bei Studien als auch bei Veröffentlichungen in Buch- oder Aufsatzform. Eine große Rolle hierbei kommt der sudanesisc
en Presse zu.
Im folgenden eine Übersicht über die wichtigsten Werke, die für Wissenschaftler und an sudanesischer Geschichte Interessierte zu empfehlen sind. Für weitergehende Informationen verweisen wir auf die vorhandenen Bibliographien und Quellen.
Öffnung des Sudan durch die türkische Verwaltung für die Missionsbewegung unter Führung der Katholiken Ernennung von Christen und Juden wie Gordon, Gessi, Slatin und Amin Pascha zu Herrschern über die Sudanesen Ausbreitung von Unterdrückung, Sklavenhandel und maßlose Besteuerung Entfremdung des Regimes vom islamischen Ideal und der sudanesischen Moral Die Herrschaft der Mahdiya währte lediglich etwa 14 Jahre. Die ausschlaggebenden Ursachen hierfür mögen folgende gewesen sein: Der frühzeitige Tod des Imam al-Mahdi bereits sechs Monate nach der Eroberung Khartoums Streitigkeiten unter seinen Gefolgsleuten sowie Streitereien zwischen den Stämmen und der Regierung unter seinem Nachfolger Abdallah Kämpfe zwischen der Mahdiya und Abessinien